Erste Details der künftigen Euro NCAP LKW-Sicherheitsbewertung
SICHERHEIT IM VERKEHR Euro NCAP gab bekannt, welche Elemente als Teil einer zukünftigen LKW-Sicherheitsbewertung in Betracht gezogen und wie sie bewertet werden. LKW machen zwar nur 3 Prozent der Fahrzeuge auf Europas Strassen aus, sind aber an fast 15 Prozent aller Verkehrstoten beteiligt.

Daten zeigen, dass es in ganz Europa unverhältnismässig viele Todesfälle durch LKWs gibt. Das künftige System von Euro NCAP zur LKW-Sicherheitsbewertung ist darauf ausgelegt, schneller als die aktuellen EU-Sicherheitsvorschriften für LKWs Innovationen voranzutreiben und die zurzeit noch unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Nutzfahrzeugsektoren in ganz Europa auszugleichen.
«Leider besteht bei schweren Lastwagen, die in Unfälle verwickelt sind, aufgrund ihrer Grösse und ihres Gewichts ein höheres Risiko tödlicher Unfälle», sagt Dr. Michiel van Ratingen, Generalsekretär Euro NCAP. Dies gelte insbesondere für schwächere Verkehrsteilnehmer (vulnerable road users, VRUs), die allein 25 Prozent der Todesopfer in Zusammenhang mit einem LKW ausmachen. «Euro NCAP unterstreicht die Notwendigkeit, LKW besser mit lebensrettenden Technologien auszustatten, insbesondere in Bezug auf Unfallvermeidung, Sicht des Fahrers und Aspekte der Rettung nach einem Unfall. Die nun angekündigten Protokolle zeigen, dass bewährte Testmethoden, die im letzten Jahrzehnt für Personenwagen entwickelt wurden, in nützliche Richtlinien für die Konstruktion künftiger, sicherer schwerer Lastwagen umgewandelt werden können. Durch die öffentliche Vorstellung der Verfahren und Anforderungen im Vorfeld des Ratings hoffen wir, dass die Branche dies zur Kenntnis nimmt und entsprechend reagiert.»
Interessenvertreter der Branche und Fahrzeughersteller wie DAF, Scania, Volvo und ZF seien entsprechend in den Dialog miteingebunden worden. Dies bestätigt auch Matthew Avery, Direktor für Strategieentwicklung bei Euro NCAP: «In den letzten zwölf Monaten haben wir eng mit Fahrzeugherstellern zusammengearbeitet, um die Tests zu entwickeln, und uns mit verschiedenen Interessengruppen in ganz Europa beraten, darunter Händler, Transportunternehmen, Versicherer, Stadtbehörden, Gesetzgeber und strategische Strassenorganisationen, um die Komplexität. LKW und Strassen sicherer zu machen, vollständig zu verstehen. Die künftige LKW-Sicherheitsbewertung wird Anreize für eine gute Sicherheitsleistung sowohl in Städten als auch auf Autobahnen bieten und es ermöglichen, Betriebssicherheit und Kosten zu optimieren. Neue regulatorische Anforderungen zwingen Hersteller dazu, die Sicherheitsleistung zu erhöhen. Unser Ziel besteht jedoch darin, in allen Bereichen der Fahrzeugsicherheit Best Practices voranzutreiben und nicht nur Mindeststandards einzuhalten. Ein Ziel, das wir bei Personenwagen erfolgreich erreicht haben.»

Wichtige Elemente der von Euro NCAP bewerteten LKW-Sicherheitsbewertung
- Intelligente Geschwindigkeitsanpassung (Intelligent Speed Adaptation, ISA)
Obwohl LKW auf Autobahnen Höchstgeschwindigkeitsbegrenzer haben, verhindern sie das Überschreiten der Geschwindigkeit auf anderen Strassenarten nicht. ISA kann die Geschwindigkeitsbegrenzung automatisch ablesen und die Geschwindigkeit des Fahrzeugs anpassen, sodass sich der Fahrer auf die Strasse konzentrieren kann und sich keine Sorgen über Gesetzesverstösse machen muss. Mithilfe von Kameras und GPS-Karten ermittelt das System die korrekte angezeigte Höchstgeschwindigkeit und warnt den Fahrer bei Überschreitung oder verhindert sogar, dass der LKW überhaupt zu schnell fährt (Limiter). Diese Systeme können sogar die variablen Geschwindigkeitsbegrenzungen lesen, die wir auf unseren Autobahnen sehen. - Autonome Notbremsung (Autonomous Emergency Braking, AEB)
AEB wird seit einigen Jahren in LKW eingebaut und verwendet an der Vorderseite angebrachte Radargeräte, teilweise auch mit einer Kamera, um das Kollisionsobjekt zu identifizieren. Allerdings war seine Leistung nicht so hoch wie bei Pw, wo wir eine 40-prozentige Reduzierung der Front-Heck-Unfälle beobachten konnten. Euro NCAP glaubt, dass diese Systeme besser sein und dazu beitragen könnten, die 9 Prozent der tödlichen Unfälle von Pw-Insassen und 17 Prozent von LKW-Insassen zu reduzieren, die erfolgen, wenn ein LKW auf die Rückseite eines anderen Fahrzeugs auffährt. - AEB gefährdete Verkehrsteilnehmer (AEB Vulnerable Road Users, AEB VRU)
Euro NCAP testete seit 2016 AEB für Fussgänger. Alle Neuwagen reagieren und bremsen heute auf kreuzende Fussgänger – Erwachsene und Kinder. Allerdings verfügt nur ein LKW über ein System in Produktion. Diese Systeme bündeln häufig Kamera- und Radardaten und warnen den Fahrer oder bremsen sogar automatisch. Euro NCAP möchte, dass alle Hersteller AEB-Systeme einbauen, die nicht nur kreuzende Fussgänger, sondern auch Radfahrer und sogar eScooter-Fahrer erkennen können. Man geht davon aus, dass Systeme wie diese ein Drittel aller Unfälle zwischen LKW und Fussgänger verhindern könnten. - Spurunterstützungssysteme (Lane Support Systems, LSS)
LKW, die von der Strasse abkommen oder auf die Gegenfahrbahn geraten, sind für 40 Prozent der Todesfälle durch Selbstunfälle und 4 Prozent der Todesfälle durch Frontalzusammenstösse verantwortlich. Spurunterstützungssysteme können diese Unfälle verhindern, und während bei Neufahrzeugen eine Warnung obligatorisch ist, wird Euro NCAP Systeme testen, die durch aktives Lenken verhindern können, dass das Fahrzeug aus der Spur kommt. Spurhaltesysteme nutzen Kameras, um weisse Linien und Strassenränder zu erkennen, an denen es keine weissen Linien gibt. - Toter-Winkel-Notbremsassistent und Abfahrwarnsystem für VRUs (Nearside Turn AEB und Move Off Prevention)
Es gibt bestimmte Unfälle, bei denen die Grundkonstruktion von LKW eine Rolle spielt – die Fahrerhäuser stehen weit über der Strasse. Sie bieten zwar eine dominante Fahrposition, die dem Fahrer das Manövrieren des Fahrzeugs erleichtert, erschweren jedoch das Erkennen von Fussgängern und Radfahrern in unmittelbarer Nähe des LKWs. Unfälle wie diese sind für rund 6 Prozent aller Todesopfer verantwortlich und lassen sich in zwei Typen einteilen:
1) solche, bei denen ein LKW einem Radfahrer auf der Beifahrerseite quert
2) wenn ein Fussgänger angefahren wird, wenn der LKW aus dem Ruhezustand anfährt.
LKW-Hersteller reagieren darauf, indem sie die sogenannte direkte Sicht verbessern – niedrigere Fahrerhäuser, grössere Fenster und tiefliegende Fenster in der Beifahrertür. Euro NCAP testet Systeme, die eine drohende Kollision mit Radfahrern oder Fussgängern erkennen und schneller eingreifen können, als es ein aufmerksamer Fahrer tun würde. Diese Systeme nutzen Sensoren vorne und an der Seite des Fahrzeugs, um diese toten Winkel aktiv zu scannen und so die Strassen in Städten sicherer zu machen. - Kamera-Monitor-Systeme (eMirrors)
Der Einbau elektronischer Spiegel (eMirrors) ersetzt effektiv einen echten Spiegel durch eine winzige Kamera und bietet ein grosses Sichtfeld mit weniger Bildverzerrung als gleichwertige Spiegel. In manchen Fällen können sie die Sicht sogar an die Fahrsituation anpassen (z. B. durch einen grösseren Blickwinkel beim Abbiegen eines Sattelschleppers, sodass der Fahrer weiterhin das Heck des Anhängers sehen kann). Besonders nützlich können diese Systeme auch sein, wenn sie mit Totwinkel-Informations- und Warnsystemen kombiniert werden, um die Aufmerksamkeit des Fahrers auf die Position im Fahrerhaus zu lenken, wo die potenzielle Gefahr gesehen, identifiziert und vermieden werden kann.