Wie betreibt man LKW-Flotten möglichst emissionsarm?

DIGITALISIERUNG Zur Grundsatzfrage, welcher alternative Antrieb mit den jeweiligen Transportbedürfnissen funktioniert, hatten Migros und Empa ein Analysetool entwickelt, das nun vom Navigationssoftware-Konzern HERE ins Programm aufgenommen wurde.

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Die transport-CH 2021 in Bern zeigte: Immer mehr Hersteller bieten serienmässig alternative Antriebe an, damit ihre Kunden ihre LKW-Flotten emissionsärmer betreiben können. Doch für welchen Auftrag ist welcher Antrieb überhaupt geeignet? Dies lässt sich nun virtuell analysieren.

Die Digitalisierung der Transportlogistik in Verbindung mit der Dekarbonisierung dreht sich ganz um die Frage: «Welcher Antrieb ist optimal?» Die Migros hatte mit der Empa gemeinsam an einer Lösung gearbeitet und ein spezielles Analysetool entwickelt. Mithilfe der Software kann der Einsatz von Lastwagen mit alternativen Antrieben
und erneuerbaren Treibstoffen (Wasserstoff, Elektro, Biogas, Biodiesel) hinsichtlich Leistung, Reichweite, Nutzlast und Kosten für individuelle Routen analysiert werden. Gleichzeitig kann berechnet werden, wie gross die real zu erwartende CO₂-Einsparung im Vergleich zu Diesel-LKW sein wird. Dank Anbindung an Ökobilanz-Datenbanken lassen sich auch synthetische Treibstoffe integrieren.

Die Migros hat die Software unter dem Namen «M Opex Tower» seit ein paar Monaten im Einsatz. Sie hat das Interesse des global tätigen Navigationssoftware-Konzerns HERE geweckt, der unter anderem das Kartenmaterial für Logistikkonzerne weltweit liefert, so auch für die Routenplanung der rund 800 Lastwagen der Migros-Genossenschaft. HERE übernimmt die Migros/Empa-Software und bietet sie als Modul «CO₂ Insights» weltweit an. Auf diese Weise wird das Schweizer Know-how von Migros und Empa für Logistikdienstleister aus aller Welt verfügbar. HERE-Kunden können das Tool bis Ende März noch kostenlos nutzen und evaluieren.

Die Transformation ganzer LKW-Flotten ist wesentlich komplexer als die Erprobung einzelner Lastwagen mit alternativen Antrieben oder Treibstoffen», sagt Christian Bach, Leiter der Abteilung Fahrzeugantriebssysteme bei der Empa. «Vor allem muss am Schluss trotz der Transformation der Flotte die Logistikfirma ihre Aufgabe immer noch erfüllen können.»

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Alternative Antriebe senken den CO2-Ausstoss im Güterverkehr: Wasserstoff- und Biogas-LKW der Migros. Bild: Migros

Es sei wichtig gewesen, ein möglichst einfaches Modell zu entwickeln, das in der Praxis auch funktioniere, sagt Bach gegenüber TIR transNews. Im Zentrum steht die Frage, ob ein spezifischer Lastwagen eine spezifische Strecke auch fahren kann. Dabei müssten durch das Analysetool Antworten gefunden werden, wie beispielsweise, ob genügend Reichweite vorhanden ist, ob die Batteriebelastung im grünen Bereich bleibt (oder ob sie zu heiss wird), ob die mögliche Geschwindigkeit des Fahrzeugs ausreicht (oder ob der Truck zum Verkehrshindernis wird).

Basis für das Analysetool ist eine Studie der Empa von vor zehn Jahren zum Wirkungsgradverhalten von Fahrzeugen. Darin wird aufgezeigt, dass sich der Energieverbrauch für beliebige Fahrten mittels einer einfach anwendbaren mathematischen Funktion berechnen lässt (Basis ist die sogenannte Willans-Approximation). Dank der engen Zusammenarbeit mit der Migros, inklusive der Teilnahme an Besprechungen mit den Flottenverantwortlichen, konnte die gemeinsame Entwicklung bis zum nun funktionierenden Softwaretool geführt werden.

Mehrere Monate lang wurde die Software an der Migros-LKW-Flotte getestet und es wurden Validierungsmessungen an Diesel-, Biogas-, Elektro- und Wasserstofflastwagen durchgeführt. Heute ist das Tool nach den Normen DIN EN 16258 und ISO 14040 zertifiziert, aber auch vom CO₂-Kompensationsberater myclimate.

Bei diesen lokal getätigten Analysen für die Transformation der LKW-Flotten darf jedoch nie ausser Acht gelassen werden, welches die Auswirkungen auf das energetische Gesamtsystem sind. Dies haben Empa und Migros Anfang 2021 bei der ersten Vorstellung des Tools betont. Wird nämlich die erneuerbare Energie für die Mobilität einfach nur dem Energiesystem entzogen, fehlt sie möglicherweise in anderen Energiesektoren und muss dort «fossil» nachgefüttert werden. Dies kann die beabsichtigte CO₂-Reduktion im Fahrzeugbereich verringern oder gar aufheben. «Eine tatsächliche CO₂-Einsparung wird dann erzielt, wenn bei der Umstellung von Lastwagenflotten die Produktion von zusätzlicher erneuerbarer Energie erhöht oder anderweitig nicht nutzbare erneuerbare Energie verwendet werden kann», schrieben Bach und Rainer Deutschmann, Leiter Direktion Logistik Transport bei der Migros, in ihrer Vorstellung des Tools Anfang 2021 in TIR transNews.

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