Doppelstock-Raumschiff auf drei Achsen

SETRA REISEBUSSE Mit dem neuen Flaggschiff hat Setra die Messlatte im Segment Doppelstock sehr hoch an­gesetzt. Ob auf der Fernlinie, als Ferienshuttle, als VIP-Bus oder mit Bistro – für jede Anwendung steht das richtige Fahrzeug zur Verfügung.

Setra S 531 DT Doppelstock TIR transNews
Zwei neue Doppelstock-Setra S 531 DT

Im sommerlich warmen Valencia (E) standen Mitte März zwei Setra 531 DT Doppelstöcker in unterschiedlichen Ausführungen zur Testfahrt bereit. Bei den Bussen handelte es sich noch um Vorserien-Fahrzeuge. Die Produktion ist aber angelaufen und die ersten Kundenfahrzeuge werden in Kürze zu sehen sein.

Eine imposante Erscheinung

Vor allem mit ihren vier Metern Höhe und bis zu fünfzehn Metern Länge fallen Doppelstockbusse auf der Strasse besonders auf. Schwierig wird es für Aerodynamiker, diese «Riesenmöbel» möglichst günstig in den Wind zu stellen. Mit vielen kleineren und grösseren Massnahmen wurde der Luftwiderstandsbeiwert beim S 531 DT laut Setra auf cw = 0,35 gesenkt – ein Spitzenwert bei Doppelstockbussen. Dabei konnten die Entwickler auf die intensiven Erfahrungen mit der Setra ComfortClass 500 und der TopClass 500 aus dem Windkanal zurückgreifen.

Die beiden Windschutzscheiben sind nahtlos miteinander verbunden und stärker gewölbt. Zu diesem Zweck wurde der Vorbau des Busses um 85 mm verlängert. Grosse Kantenradien erleichtern das Umfliessen der Luftströmung. Die dicht schliessenden Türen und das Fahrerfenster liegen ebenfalls praktisch fugenlos an. Auch die blattförmigen Arme der Aussenspiegel sind aerodynamisch optimiert. Im Unterdeck setzt Setra auf die Aquablade-Scheibenwischer, also Flachblatt-Scheibenwischer mit integrierter Wasserführung der Scheibenwaschanlage ohne störenden Bügel. Bei der oberen Windschutzscheibe kommt neu ein mittig angeordneter Einarmwischer mit Flachbalken-Wischblatt zum Einsatz. Aber auch auf Anhieb nicht sichtbare Dinge optimieren die Aerodynamik. So klappen die Regenrinnen über den Türen erst bei deren Öffnen aus. In geschlossenem Zustand der Türen ist die Aussenhaut deshalb glattflächig und bietet dem Wind keinen Widerstand. Auf der Strasse unsichtbar und trotzdem wirkungsvoll ist ebenfalls die Abdeckung des Unterbodens im Vorbau, sie verhindert Verwirbelungen.

Auch das neue Heck des Setra wurde unter aerodynamischen Aspekten entwickelt. Das Dach hat hinten einen strömungsoptimierten Abzug erhalten. Die neuen Ecksäulen in Form von Finnen sind seitlich eingezogen und zeigen scharfe Abrisskanten. Beide Massnahmen führen den Luftstrom definiert, reduzieren damit Verwirbelungen und eben­falls die Verschmutzung. Mit diesen Massnahmen wächst die Länge des hinteren Überhangs nur unwesentlich um 25 mm. Um den Luftwiderstand möglichst tief zu halten, senkt sich das Doppelstock-Fahrzeug ab einer Geschwindigkeit von 95 km/h unmerklich um 20 mm ab.

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Hell, freundlich, gut durch LED-Licht ausgeleuchtet und durch­gehend mit Haltestangen versehen, kommen die Aufstiege zum «Panoramadeck» daher.

Wohlfühloase im Passagierraum

Der imposante, fast edle Auftritt weckt natürlich hohe Anforderungen der Fahrgäste an das Innenleben. Auch da hat sich gegenüber dem Vorgänger einiges getan. Wie beim Doppelstock üblich, ist der Einstieg stufenlos, fast wie beim Niederflur-Linienbus. Das generelle Raumlayout wurde auf beiden Decks vom Vorgänger übernommen. Das Unterdeck bietet eine Stehhöhe von komfortablen 1,83 Metern. Bei der hinteren Tür kann zwischen drei Türbreiten gewählt werden. So können auf der rechten Seite die Podeste zugunsten von Rollstuhlplätzen weggelassen und mit einer Tür mit mechanischer Klapprampe oder einhängbarer Tri-Fold-Faltrampe kombiniert werden.

Der Verzicht auf Podeste eröffnet ebenfalls neue Möglichkeiten für individuelle Einrichtungen als Bistrobus oder für Spezialausstattungen. Ist umgekehrt maximale Sitzplatzzahl gewünscht, zum Beispiel für den Betrieb auf Überlandlinien oder im Werkverkehr, liefert Setra den Doppelstöcker auch ohne Bordküche und Waschraum mit einer Vollbestuhlung von bis zu 93 Sitzplätzen.

Weitgehend barrierefrei über einen ebenen Boden ist der neu konzipierte Toiletten-/Waschraum erreichbar. Neu ist die diagonale Anordnung der Einrichtung – sie schafft auf der unveränderten Grundfläche maximale Bein- und Bewegungsfreiheit bei Benutzung der Toilette sowie des linkerhand angeordneten Waschbeckens. Zum neuen Raumgefühl trägt auch die von bisher 1,70 auf 1,82 Meter vergrösserte Stehhöhe bei. Eine helle LED-Beleuchtung, farbig abgesetzte Haltegriffe und eine verdeckte Entlüftung komplettieren das Interieur.

Wie bei seinem Vorgänger stehen zwei Varianten für die beiden Aufgänge zur Wahl. Während der hintere Aufgang immer nach dem hinteren Einstieg angeordnet ist, können Unternehmen die Position des vorderen Aufgangs wählen. Im Reiseverkehr beliebt ist die Ausführung mit Aufgang in Fahrtrichtung links hinter dem Fahrer. Für den Einsatz auf Fernlinien bevorzugen die Unternehmen wegen des schnel­leren Fahrgastflusses den Aufgang in Fahrtrichtung rechts unmittelbar in Nähe des vorderen Einstiegs. Neu ist die Ausführung der Aufgänge: Sie sind geräumig und trittsicher gestaltet. Durchgehende Handläufe geleiten die Fahrgäste sicher ins obere Stockwerk. Ausserdem ist jede Stufe durch seitliche Zierelemente individuell beleuchtet, optional gibt es eine zusätzliche Trittkantenbeleuchtung.

Die «Logenplätze», die Frontreihe im Oberdeck, wurden völlig neu gestaltet. Analog zum Cockpit im Unterdeck ist auch das Pendant oben zweifarbig gestaltet. Das Design in Form eines Bogens nimmt grundsätzlich die Optik des Fahrercockpits auf. Eine Verlegung des durchgehenden Handlaufs nach vorn verbessert den Raumeindruck. Neu positioniert wurden die Becherhalter, auch bietet die Oberseite des Cockpits nun Platz für Tabletts, zum Beispiel für Snacks aus der Bordküche. Fahrgäste in der ersten Reihe müssen nicht auf bewegte Bilder verzichten: Sie blicken auf kompakte Monitore an den A-Säulen. Für die Passagiersitze steht im Doppelstock das ganze bekannte Setra-Sitzprogramm zur Verfügung.

Sicherheit mit Weltpremieren

Die Strasse wird serienmässig mit neuen LED-Scheinwerfern ausgeleuchtet. Sie zeichnen sich durch tageslichtartige Farbtemperatur und hohe Lebensdauer aus. Sollte der Fahrer einmal unaufmerksam werden oder abgelenkt sein, weist ihn der Aufmerksamkeits-Assistent (Attention Assist) mittels optischer, akustischer und haptischer Warnung dezent, aber nachdrücklich darauf hin. Der Abstandsregeltempomat (ART) mit Stop & ­Go-Funktion sowie der neue ABA 4 Notbremsassistent vermitteln eine erste Ahnung davon, was autonomes Fahren bald bedeuten kann. Das Einscheren nach dem Überholen unterstützt der neue Spurwechselassistent (Sideguard Assist), der über zwei Nahbereichsradarsensoren hinter der Vorderachse verfügt. Das System ist wie ABA 4 eine Weltpremiere und wird vor allem dann aktiv, wenn es im rechten Abbiegebereich des Busses feste Hindernisse oder gar Menschen detektiert. Mit einer mehrstufigen Warnkaskade wird der Fahrer über die drohende Gefahr informiert, das Heft bleibt jedoch jederzeit in seiner Hand. Auch der Notbremsassistent ABA 4 mit seinen modernen Multi-Mode-Radarsensoren ist nun in der Lage, Fussgänger zu erkennen und bei Kollisionsgefahr selbsttätig eine Bremsung einzuleiten.

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Der moderne Arbeitsplatz ist weitgehend bekannt und erleichtert so den Fahrzeugwechsel innerhalb der 500er-Serie.

Platz im Doppelstock nehmen und geniessen

Das Geniessen bezieht sich natürlich vor allem auf die Fahrgäste. Aber auch dem Fahrer wird die Arbeit im Doppelstock so leicht wie möglich gemacht. Den modernen, optimierten Arbeitsplatz erreicht der Fahrer über die Passagiertür – eine Fahrertüre ist nicht mehr vorgesehen. Viele grössere und kleinere Ablagen erlauben es, persönliche Utensilien des Chauffeurs und der Reiseleitung fachgerecht zu verstauen. Das Cockpit entspricht der 500er-Baureihe und erleichtert so den Fahrzeugwechsel unter den «500ern». Gegenüber dem Vorgänger wurden die Spiegelarme etwas län­­ger, was nun die Sicht in alle Spiegel in normaler Sitzposition garantiert. LED-Licht und all die vielen Helferlein lassen ein fast ermüdungsfreies Arbeiten auch über längere Strecken – selbst bei Dunkelheit – zu. Während der Fahrt am Steuer zeigt sich das Fahrzeug als gutmütiger, unproblematischer Reiseriese. Die gute Übersicht ermöglicht ein entspanntes Fahren auf der Autobahn wie auch auf der Passstrasse. Als Fahrgast geniesst man im Unterdeck die Ruhe bei einem Glas Wein oder lässt sich zu einem Jass überreden. Anders geht es im Oberdeck zu. Unser Testfahrzeug war mit einem Glasdach versehen. Die Sitzhöhe, die freie Sicht nach oben und – vor allem auf den ersten paar Sitzreihen – die freie Sicht nach vorne machen die Reise zum Erlebnis. Auf unserer Fahrt bei Sonnenschein im Umland von Valencia mit seinen riesigen Orangenplantagen verfällt man leicht ins Träumen. Auch der ab und zu an den Scheiben rüttelnde Seitenwind kann dem Fahrkomfort nichts anhaben. Wie gewohnt steht der Doppelstöcker auf einem bekannt guten und bewährten Fahrwerk. Die «Zwangsreise» zum vorgegebenen Zielort wird so schnell zur Erlebnisreise, bei der man viel zu schnell wieder in die Realität zurückgerufen wird.

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