Elektromobilität ist in Polen weit fortgeschritten

ELEKTROMOBILITÄT Polnische Städte mausern sich zu Musterschülern im Bereich Elektromobilität. Sie setzen immer mehr auf Elektrobusse, vor allem auf Linien in den stark umweltbelasteten Stadtzentren.

«Czysta Energia» – Saubere Energie Solaris TIR transNews
«Czysta Energia» – Saubere Energie: So steht’s geschrieben auf den Kühltürmen des Kohlekraftwerks in Jaworzno.

Gegenüber den Schweizer Stadtbuslinien kommen in Polen immer mehr Elektrobusse zum Einsatz. Laut Solaris haben die «Busse mit dem Dackel» europaweit bereits über sechs Millionen Kilometer zurückgelegt – und dies ohne nennens­werte Probleme. Für fast jede Linie hat Solaris einen geeigneten Elektrobus im Programm – dies vom Urbino 8.9 (8,95 Meter Länge) über den Urbino 12 (12 Meter) bis hin zum Urbino 18 Gelenkbus (18 Meter). Bereits angekündigt wurde in Polen ein Elektro-Doppelgelenkbus mit 24 Metern Länge und einer gelenkten vierten Achse.

Ein Aufbau eines Elektrobusnetzes braucht eine genaue Vorabklärung über die Linien, die Topografie und eventuell über spezielle Gegebenheiten, die es auf dem Netz zu überwinden gibt. Auch stellt sich die Frage, ob die Busse nur mit Übernachtladung einen Tageseinsatz leisten müssen, was nur mit grossen und dementsprechend schweren Batteriepaketen möglich ist, oder eine Variante mit wenig Batteriegewicht und dafür mit Zwischenladung und mehr Fahrgastkapazität in Frage kommt. Für die Bushersteller heisst dies, dass bei Ausschreibungen nicht nur der Bus, sondern ein ganzheitliches System im Angebot stehen muss. Wie dies in der Praxis funktioniert, zeigte Solaris in zwei Städten, die bereits grosse Erfahrungen mit Elektrobussen aufweisen können.

Krakau Drei Busdepots, über 560 Busse, 152 Linien, 18 Nacht­linien, 2738 Haltestellen sind die Kennzahlen der MPK Krakau, wo auch ein ausgedehntes Tramnetz betrieben wird.

Die Stadt mit ihren über 765’000 Einwohnern kann nicht gerade mit reiner Alpenluft aufwarten. Darum setzt auch MPK vermehrt auf Elektrobusse. Im Moment stehen vier Urbino 8.9 LE electric, zwei Urbino 12 electric, 17 new Solaris Urbino 12 electric und drei new Solaris Urbino 18 electric im täglichen Einsatz. Laut MPK werden alle Linienbusse, die noch nicht über die Abgasnorm Euro 6 verfügen, in Zukunft durch Elektrobusse ersetzt. 100-Prozent-Abdeckung mit Elektrobussen sei sicher nicht möglich, siebzig Prozent würden aber bestimmt erreicht, so die Aussage der MPK.

Bereits beim Testbetrieb und vor allem bei der Eröffnung der ersten E-Bus-Linie im April 2014 musste die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stehen. Die Krakauer Busse fahren mit einem Mix aus Übernacht- und Unterwegsladung. Dabei konnten in der Stadt relativ einfach ­Ladestationen bei Tramhaltestellen mit Strom aus dem Tramnetz eingerichtet werden. Neue Versorgungsstationen stehen an den Endhaltestellen zur Nachladung bereit.

Jaworzno Knapp eine Fahrstunde von Krakau entfernt liegt die Stadt Jaworzno. Zusammen mit Krakau und Warschau wurden 2013 und 2014 im Zeitrahmen von 10 bis 14 Tagen Elektrobusse der Marken Solaris und BYD getestet. 2014 fand eine ordentliche Ausschreibung statt und 2015 wurde die erste E-Bus-Linie in Betrieb genommen. «Es mussten dabei nicht nur die neuen Busse, sondern die ganze Strategie überdacht werden», erklärt Stadtpräsident Pawel Silbert. Auch Jaworzno kämpfte mit der zur Verfügung stehenden Kapazität für den Individual-, Linien- und Langsamverkehr. Nach etlichen Gesprächen zwischen der Geschäftsführung der Verkehrsbetriebe und der Stadtverwaltung entschied man sich, die Fahrpreise für den Bus drastisch zu senken – ein Jahresticket werde für ca. 45 Euro angeboten. Das Resultat: «Wir haben enorm viel mehr Passagiere auf den Bussen und im Stadtzentrum gibt es kaum noch Stausituationen», so Silbert. In Jaworzno stehen täglich 24 Elektrobusse vom 9-m-Bus bis zum 12-m-­Ge­lenk­bus im Einsatz. Von der Regierung wurde kürzlich die Anschaffung weiterer Elektrobusse bewilligt, sodass der E-Bus-Anteil auf 80 Prozent steigen soll. Die PKM Jaworzno gibt sich mit dem Erreichten aber nicht zufrieden. Geplant ist, dass in fünf Jahren der erste autonom fahrende Bus eingesetzt werden kann.

Nicht nur Krakau und Jaworzno fahren elek­trisch. Auch andere Städte wie z. B. Warschau, Hamburg, Nantes, Eindhoven etc. setzen immer stärker auf Elektro­mobilität. Ausser bei den Trolleybussen hinken die Schweizer Städte diesem Trend weit hinterher. Natürlich sollte man den ganzen Umweltgedanken auch zu Ende denken. Gerade in Jaworzno kam unter den Journalisten die Frage nach dem Sinn auf, da in Sichtweite des Busdepots die Braunkohlezeche und ein Kohlekraftwerk zu sehen waren. Der Hinweis eines Journalisten auf den Sinn von «Kohlestrom» und Elektrofahrzeugen wurde so beantwortet: «Die Kohlezeche und das Kohlekraftwerk sind die grössten Arbeitgeber der Region. So sind wir unabhängig von Stromzulieferung und zudem entstehen die Emissionen konzentriert an einem Ort und können so gezielt nachbehandelt werden.»

10

Visited 31 times, 1 visit(s) today

Weitere Beiträge zum Thema