Die neuen Stärken des Mercedes-Benz Actros
MERCEDES-BENZ ACTROS Auf den ersten Blick ist der neue Actros ganz der Alte geblieben. Doch Mercedes-Benz hat sein Flaggschiff sehr gründlich aufgewertet, was sich äusserlich vor allem am «Weglassen» der sonst bei Lastwagen sehr grossen Seitenrückspiegel manifestiert.

Wer nicht wirklich gut hinsieht, erkennt einen neuen Actros nicht, wenn er an einem vorbeifährt. Der typische Kühlergrill, die Silhouette, die Formensprache – alles scheint so zu sein wie immer. Ist es aber nicht. Mercedes-Benz hat sein Flaggschiff grundlegend in die Kur genommen und rüstet den Actros mit allerlei neuer Technologie aus, die den Treibstoffverbrauch um bis zu fünf Prozent verringern hilft und ihn noch einmal deutlich sicherer werden lässt.
Im Zentrum steht ein komplett neues Innenraumkonzept, bei dem hochauflösende Displays eine Hauptrolle spielen. «Gimmicks waren nicht gefragt», erklärt Christian Lazik aus dem Produktmanagement. Jede Massnahme müsse vor dem Hintergrund eines echten Mehrwerts für den Kunden gesehen werden. Mehrwert generiert das gestochen scharfe Bild durch verschiedene Neuerungen. So lassen sich Markierungen anzeigen, die beispielsweise das Ende des gesamten Zugs markieren und damit beim Einscheren nach dem Überholen oder beim rückwärts Heranmanövrieren an eine Rampe zusätzliche Sicherheit geben. Zudem schwenkt das Sichtfeld der Kamera in der Kurve mit dem Anhänger mit, sodass stets der ganze Zug im Spiegel ersichtlich ist. Die Kamera ist übrigens fest montiert und verändert lediglich das Sichtfeld. Je nach Manöver verändert sich auch die Darstellung im Spiegeldisplay automatisch, was eine optimale Nutzung des Systems ermöglicht; der Fahrer kann das meiste selber konfigurieren.
Einen weiteren Nutzen hat die Kamera insofern, als dass sie auch nachts benutzt werden kann und bei Bedarf dem Fahrer in der Kabine seine Umgebung zeigt. So kann er sich im Verdachtsmoment einen Überblick verschaffen, ohne aussteigen und sich exponieren zu müssen. Zudem wird die bisher separate Leuchte für die Warnung des Abbiegeassistenten (Personen und Schleppkurve) ebenfalls im Spiegeldisplay angezeigt.
Inspiration aus dem PW-Cockpit
Für die eine oder andere Sache bedient sich Mercedes Trucks bei seinen PW-Kollegen im Konzern. So stammen die Navigationspads im Lenkrad und der Zündschlüssel aus der E-Klasse, die Displays im Armaturenträger hingegen aus der A-Klasse. Statt der Kofferraumfunktion des PW wird die dazu benutzte Zündschlüsseltaste im Actros für den Lichtcheck genutzt. Wer übrigens einen Lichtschalter sucht, sucht vergeblich, denn das Licht wird ausschliesslich mittels Sensor automatisch ein- und ausgeschaltet.
Dieser als Multimedia-Cockpit bezeichnete Fahrerplatz und die Spiegelkamera werden in Europa ab den ersten Auslieferungen im April 2019 zum Serienumfang gehören. Die Vernetzung und Digitalisierung nimmt bei der gebotenen Systemvielfalt stetig zu. Deshalb hat Mercedes eigens das MB Truck App Portal lanciert, wo Mercedes, Fleetboard und Drittanbieter effizienz- und komfortsteigernde Apps aufschalten können. Das Truck App Portal ist im neuen Actros fest installiert.
Zu Änderungen am Antriebsstrang äussert sich Mercedes zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, einzig die verlängerte Achsübersetzung (2,412 statt 2,533) und eine CNG-Gasvariante für den Verteilerverkehr kündigen die Stuttgarter an. Dieser Actros NGT mit Wandlerautomatik hat den Motor M 936 G mit 306 PS. Er ist als zwei- oder dreiachsiges Solofahrzeug erhältlich und verfügt über viermal 145 Liter Gas, die sich optional um viermal 100 Liter erweitern lassen.
Assistenzsysteme verbessern Sicherheit des Mercedes-Benz Actros
Die neue Multipurpose-Kamera arbeitet mit dem Radarsensor zusammen und gleicht für Abstand und Unfallerkennung die Informationen dauernd ab. Damit der aktive Lenkassistent aber auch funktioniert, müssen Fahrspurmarkierungen vorhanden sein, die Spurbreite zwischen 3,2 und 4,0 m betragen und der Kurvenradius ein gewisses Mass nicht unterschreiten. Sitzbelegungserkennung und Lenkwiderstandssensor stellen sicher, dass kein Unfug mit dem selbstlenkenden System getrieben wird.
Die verbesserte Kameratechnik ist zudem die Grundlage, dass Mercedes nun den Active Brake Assist 5 (ABA5) als Option einführt. Wichtigste Neuerung ist dabei die Fähigkeit des Systems, eine sich bewegende Person zu erkennen und eine Notbremsung durchzuführen. Bei ASA4 konnte lediglich eine Teilbremsung eingeleitet werden und die Reaktion des Chauffeurs setzte die Notbremsung in ihrer letzten Konsequenz um. Die neue Kameratechnik ermöglicht es übrigens auch, dass der LKW stehende Fahrzeuge am Stauende erkennen kann.
Noch feiner vorausschauend
Die intelligente Tempomat- und Getriebesteuerung Predictive Powertrain Control PPC wurde in ihrer Funktion zusätzlich verfeinert. Vor allem dank hochauflösendem Kartenmaterial für die Tomtom-LKW-Navigation kann das System nicht nur auf der Autobahn, sondern auch auf Landstrassen eingesetzt werden. Dabei erkennt der Truck frühzeitig enge Kurven oder Kreisverkehr und regelt die Geschwindigkeit aktiv auf das durch die Karteninformation als tauglich erachtete Tempo hinunter. Auch bevorstehende Tempolimiten werden so früh erkannt, was insgesamt eine ökologischere Fahrweise unterstützt und zusammen mit der neuen Antriebsachse und aerodynamischen Massnahmen wie die Spiegelkamera zu Treibstoffeinsparungen von bis zu fünf Prozent gegenüber dem Vorgänger führen sollen.
Als letzte Neuerung sei auch die elektronische Feststellbremse erwähnt, mit der auch die Zusatzfunktion einer «Streckbremse» wieder möglich und gesetzlich zulässig ist. Der Anhänger-Stabilitätsregel-Assistent bremst in kritischen Situation mit einem Anhänger- oder einem Sattelzug den Trailer und das Fahrzeug ab und stabilisert die Zugkombination. Zahlreiche Neuerungen aus dem Actros werden übrigens auch in den Baustellen-Lastwagen Arocs einfliessen. Darunter die Spiegelkameras, aber auch die verbesserte PPC. Letzteres dürfte wegen der vielen, meist kurzen Überlandstrecken dieser Fahrzeuge von nachhaltiger Wirkung sein.