Im Volvo-Topmodell FH16 auf unsere Testrunde
FAHRBERICHT Gemeinsam mit der Lancierung der aerodynamisch optimierten Modelle FH Aero hat Volvo Trucks den FH16 neu aufgelegt. Wir haben die Topversion mit 780 PS und Aero-Fahrerhaus dem Jurasüdfuss entlang und hinter die ersten Jura-Kämme gelenkt.

Unter der Bezeichnung FH16 führt Volvo eine Leistungs-Ikone in seinem Modellangebot, die eine ähnliche Bedeutung bei Kunden und Fans geniesst, wie bei Scania die V8-Modelle. Für den FH16 hat Volvo Trucks im vergangenen Frühjahr nun einen komplett neu entwickelten Motor auf den Markt gebracht, parallel zu einer ganzen Reihe an Neuerungen, darunter der aerodynamisch optimierten Version FH Aero. Der neue Sechszylinder im Topmodell FH16 verfügt über einen von 16,12 auf 17,3 Liter vergrösserten Hubraum, der in der höchsten Leistungsstufe (780 PS) ein um rund sieben Prozent höheres Drehmoment gegenüber dem Topvorgänger (750 PS) bietet und zugleich Verbrauch-, resp. CO₂-Emissionen um fünf Prozent senkt. Entsprechend der Hubraumgrösse trägt der neue Motor die Bezeichnung D17.
Windschnittig
In der Aero-Version kommt der neue FH16 zudem in den Genuss diverser zusätzlicher Verbesserungen. So wird die neue Front gezielt um 240 mm nach vorn verlängert, um mit dem neuen Design und der Zusatzlänge den Luftwiderstand im Überlandverkehr weiter zu reduzieren. Dabei wurde auch die ganze Kühlerzeichnung verändert, inklusive eines neuen, grösseren und tiefer platzierten Markenlogos. Transporteure, die gerne ihren Firmennamen auch auf der Front ihrer Fahrzeuge sehen, finden deshalb nun eine hoch platzierte, passende Fläche.

Ebenfalls ein Teil der aerodynamischen Verbesserungen sind die Spiegelkameras, das sogenannte Camera Monitor System CMS. Die schlanken Kameraarme oberhalb der Türen haben bereits bei anderen OEMs gezeigt, dass sie als Ersatz für die sonst stramm im Fahrtwind stehenden Rückspiegel eine Effizienzsteigerung um zwei bis drei Prozent bringen. Kommt dazu, dass die Sicht aufs Verkehrsgeschehen generell mit einem CMS merklich verbessert wird. Der grösste Minuspunkt eines solchen Systems liegt dabei im Umstand, dass andere Verkehrsteilnehmer nicht mehr sehen können, ob der Chauffeur einen auch erblickt hat – es fehlt gerade im städtischen Verkehr der in solchen Fällen manchmal lebensrettende Augenkontakt.
Topmodell FH16 mit Kraft im Überfluss
Beim Blick unters Fahrerhaus gewinnen wir auch optisch den Eindruck, hier einen besonders grossen Motor vor uns zu haben. Beim 17-Liter-Sechszylinder wurde der Verbrennungsprozess verbessert, u.a. mit neuen Injektoren und einer speziellen Brennraumform des Kolbens. Für das rasche Ansprechen des Motors sorgt ein einzelner Turbolader mit der bewährten variablen Geometrie. Und schliesslich ist es Volvo gelungen, dass sein Schwerlast-Triebwerk gegenüber dem bisherigen FH16-Motor 70 kg weniger auf die Waage bringt. Der Vorgängermotor wird übrigens weiterhin für Märkte mit Euro5 und niedriger produziert.

Gesamthaft drei Leistungsstufen sind vom D17-Motor erhältlich, mit 600 PS / 3000 Nm, 700 PS / 3400 Nm und 780 PS / 3800 Nm, unser Testfahrzeug ist mit dem Spitzentriebwerk ausgerüstet. Auf unserer Testrunde, wo den meisten Testfahrzeugen zwischen 30 und 40 Prozent weniger Leistung zur Verfügung stehen, erwarten wir vor allem in den hügeligen Abschnitten einen spürbaren Vorteil mit dem FH16.
In der flachen Mittelland-Topografie rollen wir bei 1080/min mit 84 km/h über die Autobahn. Damit läuft der Motor mitten in seinem effizientesten Drehzahlbereich und verhält sich im gut gegen Geräusche isolierten Fahrerhaus sehr kultiviert. Der Verbrauch liegt trotz mittelstarker Verkehrsbelastung noch unter 30 l/100 km. Auf der Überlandstrecke durch die Gemüsekammer der Schweiz, dem «Grossen Moos» bei Kerzers, fallen uns die schnellen und wenigen Schaltvorgänge kaum auf, das Tempo kann per Lenkradhebel mit der neuen 525 kW leistenden Motorbremse gut im Zaum gehalten werden. Für das Grosse Moos und die längere Durchfahrt durch die Stadt Biel resultiert ein Verbrauchswert von 40,1 l/100 km.

Als kleine Einordnung: Der auf Schwerlast ausgelegte FH16 konsumiert in der Ebene rund neun bis zehn Prozent mehr als der verbrauchsoptimierte DAF XG+ mit 480-PS leistendem MX13-Motor (12,9 l Hubraum), mit dem wir letztmals unsere Testrunde absolviert hatten. Wir halten uns auch für weitere Einordnungen an dieses Fahrzeug, da es für den Grossteil der Schweizer Topografie eine passende Auslegung darstellt.
Freude in der Steigung
Die Leistungsfähigkeit des grossen Motors zeigt sich schliesslich in den ersten Jurahügelzügen. Der FH16 zieht in Biel die Einstiegsrampe der Transjurane leichtfüssig hoch, bewältigt diese mit 61 km/h und im zehnten Gang (von zwölf). Ein «normaler» LKW ist deutlich langsamer und benötigt auch einen niedrigeren Gang (besagter DAF XG+: 38 km/h, fährt dabei im achten Gang).

Noch eindrücklicher ist die Performance auf der gut fünf Kilometer langen Steigung des Tunnels am Pierre Pertuis, der von La Heutte nach Tavannes einen Höhenunterschied von rund 150 Metern überwindet. Im Eco-Fahrprogramm blieb das Topmodell FH16 oberhalb von 75 km/h, in der Performance-Auslegung hielt der mit 40 Tonnen ausgelastete Truck die eingestellte Reisegeschwindigkeit von 84 km/h, wobei er in beiden Fällen im elften Gang unterwegs war. Die Realität eines 40-Tönners mit der sonst üblichen Leistung spiegeln die Werte des DAF wider: 51 km/h im Eco-Modus, respektive 54 km/h ohne Eco, beides im neunten Gang. Volvo wie DAF verbrauchen auf diesem Abschnitt in der schnelleren Fahrt (ohne Eco-Modus) rund sechs Prozent mehr Diesel.
In der Anfahrt in die Pierre-Pertuis-Steigung brachte der Volvo die neuesten Fähigkeiten vorausschauender Tempomat eindrücklich zur Anwendung. Im Eco-Modus, in welchem nicht das ganze Drehmomentpotenzial ausgenutzt wird, beschleunigte der Truck unten am Hang ohne Zutun des Fahrers kurz von 84 auf 89 km/h und schaltete gleich zu Beginn in den elften Gang zurück. Im Performance-Modus nahm er hingegen den Hang stoisch mit 84 km/h in Angriff, vollführte dann aber früh eine schnelle Rückschaltung und zog über die ganze Steigung die eingestellten 84 km/h durch.

Die Sicht im Monitor
In den diversen Tunneln der Transjurane zeigt sich auch die besondere Eigenheit der Spiegelkameras bei Volvo Trucks. Ausgerüstet mit Infrarotleuchten in den Kameraarmen erzeugen sie bei Dunkelheit ein gestochen scharfes und sonst unerreicht kontrastreiches Monitorbild, das keine Wünsche bezüglich Sichtvermögen aufkommen lässt. Speziell bei Nachtfahrten erleichtert das Volvo-System die dann besonders anspruchsvolle Aufgabe der Chauffeure und Chauffeusen.
Natürlich hat Volvo auch in andere Sicherheitssysteme investiert, was sich auch darin zeigt, dass die Schweden mit ihrem FH Aero beim ersten Euro-NCAP-Assessment von schweren Sattelzugmaschinen als einziger Hersteller die Punkte für die volle Fünf-Sterne-Bewertung erhalten haben (Seite 14). Volvo hat als bislang einziger OEM auch eine Tür-Öffnen-Warnung eingebaut: Das Fahrzeug überwacht bis zwei Minuten nach Motorstopp beidseitig den rückwärtigen Strassenraum und warnt beim Öffnen der Tür Chauffeur und Beifahrer bei herannahenden Velos und Autos.
Über die gesamte Strecke, für die wir inklusive Fotostopp rund vier Stunden benötigten, resultiert für den Volvo FH16-780 schliesslich ein Verbrauch von 39,3 l/100 km. Damit liegt er rund sechs Prozent über «unserem» DAF, den wir auf diesem Parcours als besonders sparsam registriert haben. Die knapp 40 Liter sind ein guter Wert für einen derart leistungsfähigen und grossvolumigen Motor. Dazu kommen beim Volvo moderne und ausgereifte Assistenzsysteme, sodass sich ein Gesamtpaket ergibt, mit dem Volvo zeigt, dass man nicht nur bei den schweren Elektro-Lastwagen die Nase weit vorn hat.
Daten Volvo Trucks Topmodell FH16 Aero 6×2 780
- Motor: D17 780 PS, Reihensechszylinder mit SCR und ADR, neuer VTG-Turbolader, 17,3 Liter Hubraum, 574 kW/780 PS bei 1700/min, 3800 Nm bei 1000–1200/min, VEB-Motorbremse (525 kW), HVO-tauglich.
- Getriebe: automatisiertes I-Shift-Getriebe mit 12 Gängen, Zusatzelement mit bis zu zwei Kriechgängen erhältlich, Overdrive-Auslegung, 1. Gang 1:11,73, 11. Gang Direktgang, Spreizung 15,04, Achsübersetzung 2,06–3,08.
- Fahrerhaus: Globetrotter Extra High Sleeper Cab, luftgefedert, elektrohydraulische Kippeinrichtung, elektrische Feststellbremse, digitales Hauptinstrument mit Zusatzbildschirm auf Konsole.
- Sicherheit (Auswahl): Kameraspiegelsystem CMS inkl. speziellem Blindspot-Monitor und Infrarotleuchte für Nachtsicht, Rampenspiegel, neue Tempomatsoftware I-Save+, Fahrassistenz inkl. aktive Spurhaltung.