Kühltransport: Ein Tag unterwegs im Wasserstoff-LKW

REPORTAGE Obwohl Lastwagenchauffeure seit der Coronapandemie als systemrelevant gelten, bleibt auch im neuen, leisen Hyundai Xcient mit Wasserstoffantrieb der Alltag für den Chauffeur ein Knochenjob.

Cavegn Kühltransport Hyundai Xcient TIR transNews
Beim Kühltransport gibt es keine Pause am Zielort: Hier dockt Cavegn-Chauffeur Ramadani Shanija seinen Anhängerzug an einem Verteilzentrum in Avenches an.

Es ist sieben Uhr, als Ramadani Shanija mit seinem Anhängerzug vom Betriebsgelände der Chr. Cavegn AG in Schafisheim losfährt. Zu der Zeit ist es noch finstere Nacht. Beladen wurden Lastwagen und Anhänger in den frühen Morgenstunden von der Ladecrew. «Mein Tag dauert normalerweise von sieben bis sieben, da liegt stundenlanges Beladen am Morgen nicht auch noch drin», meint der Mazedonier achselzuckend und lächelt. Der Kühltransport besteht ausschliesslich aus Lebensmittel, die Chr. Cavegn ist ja auch ein reiner Lebensmittellogistiker. Für den Non-Food- und den Stückguttransport ist im Familienunternehmen mit Hauptsitz in Landquart GR die Cargo Grischa zuständig.

Die Ladung des 36-Tonnen-Anhängerzugs wird unterteilt in die Tiefkühlprodukte im Anhänger und die Frischprodukte im Lastwagen, obwohl beide mit gemischten Temperaturzonen betrieben werden könnten. «Die Frischprodukte sind sehr sensibel und müssen über die ganze Fahrt im vorgegebenen engen Temperaturbereich lagern», sagt Ramadani zur Logik der Verteilung der Ladung. Dazu kann er im Cockpit den aktuellen Temperaturwert nur für den Laderaum des Lastwagens ablesen, die Info zur Anhängertemperatur wird im Cockpit nicht angezeigt.

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Die Kühltransport-Tour in die Drei Seen-Region führt den Hyundai-LKW am Morgen und am Abend an die Wasserstofftankstelle in Zofingen.

Vor dem Kühltransport die Tankstelle

Leise schnurrt der im typischen Cavegn-Rot lackierte Lastwagen mit Trailer vom Hof und beschleunigt nach wenigen Biegungen durch die Industrie auf die A1 in Richtung Westen. Die tägliche Routine bringt Ramadani in die Region von Avenches, Estavayer und Freiburg und somit zu grossen regionalen Verteilzentren von beispielsweise Aldi, Bell, Denner oder Lidl. Mit dem Hyundai Xcient Fuel Cell fährt Ramadani einen der noch raren Wasserstofflastwagen in der Schweiz. «Mein erster Stopp am Morgen ist immer nach 23 Kilometern an der Wasserstofftankstelle der Landi in Zofingen», sagt er. «Und wenn ich zurückkomme, mache ich erneut einen Abstecher dorthin.» Mit dem Diesel-LKW, den er vorher fuhr, genügte eine tägliche Tankfüllung für alles auf seiner Route.

Erst drei Wochen zuvor hat Ramadani den brandneuen Hyundai Xcient Fuel Cell übernommen. «Ich finde alles an diesem Lastwagen gut: den Komfort, die Assistenzsysteme, die Kraft und das ganze Handling.» Einzig die Tatsache, dass er zweimal am Tag tanken müsse, damit es sicher für seine Tour ausreiche, finde er nicht wirklich super. Nach dem Tankvorgang, der nur knappe sieben Minuten dauert, zeigt der Lastwagen eine Reichweite von 317 km an. «Das ist gut für unsere heutige Tour», meint Ramadani, «manchmal liegt dieser Wert nach dem Tanken auch bei 340 Kilometern.» Dann überlässt er mir das Steuer für die nächsten Strecken nach Avenches und weiter nach Estavayer. Am Ende des Tages haben wir 308 Kilometer abgespult, es hätte also gereicht, allerdings stand der ebenfalls oft auf der Tour eingebaute Abstecher nach Freiburg/Schmitten nicht auf dem Programm. «Mit wachsendem Tankstellennetz wird das Ganze aber sowieso einfacher», ist der Mazedonier überzeugt. Speziell von der Eröffnung der Coop-Tankstelle in Bern (Red.: Sie befindet sich bei Redaktionsschluss gerade im Bau) erhofft er sich eine zusätzliche Entspannung.

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Der Chauffeur entlädt sein Fahrzeug im Normalfall selbst und ist auch verantwortlich, dass die Ladung ans richtige Ziel kommt.

Die Unterhaltung in der Kabine ist trotz Corona-Masken kein Problem, da der Elektroantrieb für ein sehr niedriges Geräuschniveau sorgt. Ich merke nach wenigen Manövern, weshalb Ramadani die Fahrt mit dem neuen Lastwagen trotz dem Tankaufwand schätzt. Der Anzug ist auch bei Vollladung mit 36 Tonnen gleichmässig zügig, da die Beschleunigung durch den 350-kW-Elektromotor mit der 6-Gang-Automatik ruckfrei und frei von Zugkraftunterbrechung erfolgt. «Das ist kein Vergleich zum zögerlichen Hochbeschleunigen meines vorherigen Diesellastwagens», meint Ramadani und blickt danach sinnierend zum Seitenfenster hinaus aufs draussen vorbeiziehende Mittelland.

Kein Trödeln am Dock

Am ersten Verteilzentrum in Avenches angekommen, geht es Schlag auf Schlag. Zuerst den Trailer, dann den Lastwagen an die vom lokalen Logistikchef zugewiesenen Ladedocks manövrieren. Entladen muss der Chauffeur selbst, gegen die Kühlhaustemperaturen mit Mütze, Handschuhen und dicker Jacke geschützt. Man kennt den eher klein gewachsenen Mazedonier hier, kurze heitere Gesprächsfetzen auf Italienisch und Französisch zeugen von dieser über die Jahre gewachsenen Vertrautheit. Aber Zeit fürs Verweilen bleibt keine. Mit einem der bereitstehenden Gabelstapler geht das Entladen ganz fix, gleichwohl verstreicht von Ankunft bis Weiterfahrt eine volle Stunde. Zuletzt wird der Zug wieder gekoppelt und mit den abgestempelten Papieren in der Hand geht die Fahrt im Kühltransport weiter.

Am nächsten Verteilzentrum bei Estavayer wirbelt Ramadani nicht minder über den Vorplatz und durch die Lagerhallen. Das Abholen der Papiere läuft nicht im gleichen Masse reibungslos. Zwei Paletten stimmen nicht mit dem Lieferschein überein. Zwar entspricht die gelieferte Gesamtmenge den Angaben, doch eine Palette hat mehr, die andere entsprechend weniger geladen als auf dem Papier. «Als Nebeneffekt der Digitalisierung ist jegliche Flexibilität verschwunden», meint Ramadani. Und etwas verärgert ergänzt er: «Der Leidtragende ist immer der Chauffeur, der an der Rampe steht.» Das ist auch heute so. Denn wegen des Papierkriegs mit den beiden Paletten fahren wir über 30 Minuten Verzögerung ein. Statt bereits wieder unterwegs zu sein und irgendwo weg von der Industrie eine ruhige Mittagspause schieben zu können, zwingt uns die Pausenregelung, das Sandwich gleich draussen auf dem Vorplatz zu essen.

Von jetzt an geht es wieder ostwärts. Für die nächsten 70 Kilometer ist der Lastwagen leer, was sich, etwas salopp gesagt, anfühlt, wie mit einem Sportwagen unterwegs zu sein. Am ersten Stopp wird eine einzige Palette für Schafisheim geladen, 50 Kilometer weiter füllt sich der ganze Anhänger mit Tiefkühlprodukten. Dann steht bereits wieder die Landi-Tankstelle in Zofingen an, und wenig später biegen wir aufs Gelände in Schafisheim ein. Am Abend ist es die Aufgabe des Chauffeurs, Lastwagen und Anhänger zu entladen, erst danach kann er die Fahrerkarte auf Ruhezeit stellen. Heute ist es zu diesem Zeitpunkt «erst» 17.30 Uhr. «Das ist ein Glückstag für mich», meint Ramadani verschmitzt. «Ein solch früher Arbeitsschluss tritt vielleicht einmal im Monat ein.»

Der Verkehr lief den ganzen Tag über ohne Stocken und Stau. So ist die Zeit am Lenkrad für den Chauffeur Erholung vom Knochenjob in den Kältekammern der Verteilzentren, dem Termindruck und dem Korsett von Lenk- und Ruhezeit. Das ist auch bei Ramadani Shanija nicht anders, wie er verrät: «Ich liebe es, am Steuer zu sitzen und unterwegs zu sein.» Dann verabschieden wir uns coronakonform mit dem Ellenbogen, er schwingt sich in sein Auto und fährt dem Feierabend entgegen, um am nächsten Morgen wieder um sieben erneut mit dem nächsten Kühltransport in Richtung Westschweiz aufzubrechen.

 

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